Frohes Neues Jahr! schallte es mir vielfach herzlich entgegen in den letzten Tagen. Weshalb wünschen wir uns wohl ausgerechnet ein „frohes“ Jahr? Wiktionary erklärt die Bedeutung von froh als „voller Freude“. Freude ist ein entscheidender Teil unserer Lebens- und Arbeitsqualität.
Freude ist eine Folge unseres Denkens auf der Basis der Werte, die wir erlernt und übernommen haben. Freude ist also ganz simpel gesagt, eine Frage der Bewertung. So wird der Tod und die Beisetzung eines geliebten Menschen in Indien froh gefeiert, denn die Menschen dort wissen den Lieben aufgrund ihrer Wertevorstellung der Inkarnation in besseren Gefilden. In unseren Breiten löst das Ereignis die gegenteilige Gefühlslage der Trauer um den Verlust aus. Wenn ein geschickter Taschendieb mit 50 Euro zu Hause freudig den Schein auf den Tisch legt, weil er gelernt und übernommen hat, dass es völlig in Ordnung ist, vom „Reichen“ etwas abzuzwacken, so löst das beim Bestohlenen ein ganz anderes Gefühl aus. Der eine bewertet dieselbe Situation als Erfolg und der andere als eindeutigen Misserfolg, weil er den Mammon nicht ordentlich verstaut oder nicht genug aufgepasst hat. Des einen Freud, des andern Leid sagt der Volksmund punktgenau.
Freude ist also erlernbar – ist das nicht eine wundervolle Nachricht? Denn alles Erlernte können wir zu jeder Zeit abrufen. Freude ist auch ein wesentlicher Bestandteil von gelungenem Lernen. Reines Training und Wiederholung führen nicht zwingend zum Können aber alles, woran wir Freude empfinden, lernen wir schnell und mühelos. Was das für unser druckgesteuertes Schulsystem, den druckbeladenen Arbeitsalltag und gute oder schlechte Führung bedeutet, liegt auf der Hand.
Wann wir Freude empfinden, entscheiden wir ganz allein, nicht die Umwelt. Das Empfinden von Freude kann sich im Laufe des Lebens durch neue Erkenntnisse verändern. Ganz individuell. Jahrzehntelang freute ich mich wie verrückt auf das Wochenende um endlich ausgehen zu können und die Nacht zum Tage zu machen. Heute freue ich mich endlos, des nächtens nirgendwo hin zu müssen. Lange Zeit machte es mir Angst, selbständig zu sein und ich klebte am vermeintlich sicheren Angestelltentum. Heute ist es meine unerschöpfliche Freude, mein kleines Unternehmen zu gestalten und das Risiko eigenhändig in Sicherheit zu wandeln. Wir machen Angst und Missmut selbst und wir machen Lust und Freude selbst. Durch unser Denken und Handeln und die Erfahrung bildet unser Gehirn neuronale Verschaltungen, die unbewusst in Aktion treten und dafür sorgen, dass unser endogenes „Dope“ ausgeschüttet wird: Adrenalin, Noradrenalin, Dopamine, Endorphine. Wer lustvoll leisten darf, braucht also kein exogenes Dope und alle Drogenhändler wären pleite. Ein paar Hirnregionen ticken bei glücklichen und unglücklichen Menschen anders. Amygdala und präfrontaler Cortex sind zuständig für unsere Emotionen. Und Begeisterung ist Dünger fürs Hirn (Prof. Hüther). Lust macht gescheit.
Meine zweieinhalbjährige Enkelin ist in dem Alter, in dem wir Zufriedenheit und Stolz auf die eigene Leistung entwickeln. „Selber machen“ heißt die Parole und sie wurde sehr ärgerlich, als ich als bemühte und liebende Oma ihr die Dinge abnehmen wollte. So hatte ich es gelernt und übernommen: eine gute Oma tut alles fürs Enkelchen. (Ich höre jetzt einige sagen: aber Sie sind doch Coach, das müssen Sie doch wissen. Meine Antwort: stimmt. Aber Wissen schützt vor Torheit nicht, besonders bei uns nahestehenden Menschen). Gottseidank bin ich lernwillig geblieben und habe die Message von Emilia sofort verstanden. Sie machte von da an alles, wonach sie verlangt, alleine. Auch mit einem mittelscharfen echten Messer Obstsalat schneiden. Auch in den in unerreichbarer Höhe befindlichen Kindersitz im Auto klettern. Dazu brauchte es etwas Zeit und Geduld, damit sie mit „trial and error“ ihre Strategie entwickeln konnte. Der Lohn ist eine kleine Persönlichkeit, die auf dem Weg ist, zu erfahren, dass Lernen Freude und Lust bereiten kann und dass man mit etwas Mühe und dem mutigen Ausprobieren von verschiedenen Möglichkeiten zum Ziel kommt. Dann entsteht Lust am Gelingen und an der Leistung und damit ist die Hetzjagd nach dem schnellen und schnell vergänglichen Erfolg beendet.
Ich möchte Professor Gerald Hüther, Neurobiologe und Hirnforscher, zitieren aus seinem Buch „Was wir sind und was wir sein könnten“ (ein Muss für alle, die Ihrer Freudfähigkeit auf die Spur kommen möchten!):
„Unser Leben ist ein Erkenntnisprozess. Inzwischen sind wir erstaunlich weit vorangekommen auf diesem Weg der Erkenntnis. Niemand weiß, wohin er uns führen wird. Aber wenn wir aufhörten, ihn weiter zu gehen, wenn wir irgendwann aufhörten, Suchende zu sein, weil wir meinen, alles zu wissen und alles verstanden zu haben, dann hätten wir das größte Wunder verloren, das wir alle mit auf die Welt gebracht haben: unsere Entdeckerfreude.“
So, nun lehne ich mich zufrieden und freudvoll zurück, denn ich habe meinen Blogbeitrag fertig
. Lassen Sie mich und alle Blogfreunde teilhaben an Ihrem Erlebnis der selbst gestalteten Freude. Ich freue mich auf Ihre Geschichten!
In diesem Sinne ein frohes neues Jahr 2012!


